Anlässlich der Schließung des Hotels zum Jahresende 2003, dem Verkauf im Dezember 2004 und der dann nachfolgenden Umgestaltung des Hotels zu einem Seniorenheim, veröffentlichte die Badische Zeitung am 19. Januar 2005 den folgenden Artikel Ihres Mitarbeiters  Manfred G. Haderer:

 

Aus der Geschichte des Hotel Vogt:

 

Dampfheizung, Telefon und eigenes Fuhrwerk

Am Anfang stand Karl Vogt

Lenzkirch (mgh) Beinahe 100 Jahre lang, war das Hotel Vogt eine feste gastronomische Größe im Haslachstädtchen. Seit zwischenzeitlich gut zwei Monaten ist das renommierte Haus nun geschlossen, eine schnelle Lösung ist derzeit nicht absehbar. Einmütig bedauern Gemeinde, Kur- und Touristik und Gäste das plötzliche "Aus" des angesehenen Hotels in bester Lage. Für Vereinsversammlungen und Familienfeste fehlt neuerlich ein bisher beliebtes Haus, die anerkannt gute Küche wird vermisst. Ein Rückblick auf die bis vor kurzem scheinbar kontinuierlich verlaufene Entwicklung des "Hotel-Restaurant Vogt" bietet sich an diesem Einschnitt an. Mit Vogt, Lützner und zuletzt Dresmann tauchen nur drei Besitzernamen auf dem bisher stets als Familienbetrieb geführten Haus auf.

 

Das Jugendstil-Hotel gegenüber dem Kurhaus war von Anfang an eng mit der Geschichte Lenzkirchs als aufstrebendem Kur- und Erholungsort verwoben. 1907 dampften die ersten Züge auf der Bahnstrecke von Neustadt über Lenzkirch nach Bonndorf. Beinahe folgerichtig entstand gegenüber dem Bahnhof in einem damals für den Schwarzwald ungewöhnlichen und zeitgemäß-modernen Baustil das "Bahnhof-Hotel Vogt". Bekrönt wurde die Architektur im Stil einer Jugendstil-Villa einst sogar von einem Aussichtstürmchen, einem sogenannten "Bellevue". Dieser "Bellevue" ist vor Jahrzehnten zwar ebenso verschwunden wie der ehemalige Springbrunnen vor dem Haus, an den sich viele ältere Lenzkirch noch erinnern. Doch die charakteristische Architektur hat glücklicherweise alle Renovierungen überstanden. Bei der letzten Gesamtsanierung unter der Besitzerfamilie Dresmann hat das Haus äußerlich sogar wieder gewonnen. Stilvolle Details machten das Vogt wieder zu einem Schmuckstück. Auch die Gasträume strahlen noch den unverdorbenen Charme und etwas vornehmen Glanz des frühen 20. Jahrhunderts aus. -

Die führende Position in der Aufbruchszeit des einsetzenden Fremdenverkehrs vor dem ersten Weltkrieg unterstreichen Erwähnungen in etlichen Reiseführern zu Zeiten als es noch einen badischen Großherzog und einen deutschen Kaiser gab. So lesen wir etwa im bekannten "Lorenz-Reiseführer" von 1911 über das Lenzkircher "Bahnhof-Hotel" wörtlich: "Neues , komfortabel eingerichtetes und gut bürgerliches Haus ... gute Küche ... elektrisches Licht, Dampfheizung, Bad im Hause, Telephon, eigenes Fuhrwerk. Das ganze Jahr geöffnet." Auch die Preise werden genannt: Ein Zimmer gab es für eine Mark und fünfzig, die Vollpension kostete vier Mark fünfzig ! Besitzer war zu dieser Zeit Karl Vogt. Er stammte aus altem Lenzkircher Geschlecht, war Metzgermeister, Landwirt und später angesehener Hotelier. -

 

Bombentreffer im 2.Weltkrieg

Der erste Weltkrieg brachte wohl einen gewissen Stillstand im frühen Lenzkircher Tourismus und somit auch im Hotelgewerbe. Doch bereits in den 20-er und frühen 30-er Jahren erholte sich die Branche wieder, die Gemeinde gab nun selbst erste Prospekte heraus. Karl Vogt allerdings war bereits 1920 im Alter von erst 57 Jahren verstorben, die Söhne Wilhelm und Ernst im ersten Weltkrieg umgekommen. Doch Tochter Rosa hatte zuvor schon Johannes Lützner aus Sachsen geheiratet. Somit hatte zumindest das Hotel trotz widriger Umstände keine Nachfolgeprobleme, es wurde nahtlos in der Familie weitergeführt. -  Ein schlimmes Ereignis traf das Haus noch kurz vor Ende des 2. Weltkrieges. Bei einem französischen Tiefflieger-Angriff, der wohl den Lenzkircher Eisenbahnanlagen galt, wurde das Vogt von einem Bombeneinschlag getroffen und schwer beschädigt. Die Schäden wurden in den Nachkriegsjahren wieder behoben, das Hotel auf neuen Standard gebracht  und auch in der folgenden Generation blieb es noch geraume Zeit in Familienbesitz. In den 50-er und 60-er Jahren hatte das Bahnhofhotel unter der Leitung von Sohn Wolfgang Lützner weiterhin einen guten Namen. Es waren die Zeiten des Gäste-Booms, als beispielsweise am Bahnhof gegenüber noch wöchentliche Touropa-Züge einliefen.

 

Das Ende per Anzeige bekanntgegeben

Mit dem Besitzerwechsel von Familie Lützner zur Familie Dresmann brach Ende der 70-er Jahren eine neue Zeitrechnung an. Zumal 1977 auch die Bahnstrecke nach Lenzkirch endgültig stillgelegt und bald darauf der Bahnhof abgerissen wurde. An dessen Stelle entstand das Kurhaus. Damit hatte auch der traditionsreiche Name "Bahnhofshotel" seine Berechtigung verloren, der bei der Bevölkerung jedoch noch bis heute ein Begriff ist. Man firmierte jetzt unter "Hotel-Restaurant Vogt am Kurpark" und die Speisekarte von Heinrich Dresmann fand bald viele Freunde. Vereinsversammlungen, Weihnachtsfeiern und Familienfeste fanden richtete man wieder gerne im "Vogt" aus. Um 1984 standen außerdem 30 Gästebetten zu Verfügung. --- Seit etlichen Jahren schon zeichnete inzwischen die nächste Generation, das Brüderpaar Dresmann, für den Betrieb verantwortlich. Der Standart war im Rahmen einer aufwendigen Gesamtsanierung noch einmal verbessert worden, ein Lift wurde eingebaut und Appartements ergänzten das Angebot. Die anerkannt gute Küche des Hotel Vogt fand zuletzt Erwähnung im Schlemmeratlas und anderen Gastroführern. Außerdem schätzten die einheimischen Firmen das ideal gelegene Hotel als gute Unterkunft für ihre Geschäftspartner. - Umso überraschender kam deshalb für alle das "Aus". Niemand hatte damit gerechnet, bis gegen Ende der Betriebsferien Familie Dresmann im November mit einer kleinen Anzeige im Gemeindeblatt lapidar bekannt gab: "Mit Bedauern teilen wir mit, dass wir unser Hotel schließen ..."    

 

Link: Weitere Infos zum Bahnhofhotel