Vom Leben und Sterben der Bonndorfer Bahn

                                                   von Siegfried Scharf



Eine Bahnstrecke, die mir besonders ans Herz gewachsen war, war die Bahnlinie von Neustadt nach Bonndorf. Dies vor allem deshalb, weil ich diese täglich benutzte und im Bahnhof wohnte. Der Bahnhof war ein sogenannter "Sackbahnhof" ( die Lokomotive mußte umgespannt werden ) und befand sich an jener Stelle, an der sich heute das Lenzkircher Kurhaus befindet. Daß diese Bahn einmal dem Rotstift der Deutschen Bundesbahn zum Opfer fallen würde, habe ich nie für möglich gehalten. Und doch ist es soweit gekommen. Die Bahnlinie Kappel - Gutachbrücke - Lenzkirch - Bonndorf ist im Alter von 69 Jahren gestorben.

Beinahe so lange, wie die Bahn alt war, dauerten zuvor die Bemühungen um den Bau der Bonndorfer Bahn. Immer wieder wurden neue Vorstöße unternommen. Doch erst am 28. Mai 1900 stimmte der Großherzogliche Landtag dem Bau der Bahnlinie zu, nachdem die ersten Anstrengungen im Jahr 1840 und und auch weitere Gesuche ohne Erfolg geblieben waren. Bonndorf und insbesondere Sparkassenverwalter Kiechle ( Abgeordneter in der zweiten Kammer des Landtages ) hatten die Initiative ergriffen. Doch plötzlich tat sich eine ungeahnte Schwierigkeit auf: Der Schienenstrang sollte von Bonndorf über Grünwald nur bis Unterlenzkirch verlegt werden. Lenzkirch, neben Unterlenzkirch selbstständige Gemeinde, die doppelt so groß wie Unterlenzkirch war, sollte leer ausgehen. Doch die Lenzkircher setzten sich erfolgreich zur Wehr und erreichten die selben Privilegien: Lenzkirch bekam einen Sackbahnhof.

Ein Gerangel gab es darum, wer zur Eröffnung eingeladen werden sollte. Mitten in diese " Sorgen " platzte die telegraphische Weisung aus Karlsruhe. Der für den 24. Sept. 1907 vorgesehene Eröffnungstermin müsse wegen des fortgesetzt ernsten Gesundheitszustandes seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs von Baden verschoben werden. Der Schülerzug vom 25. Sept. werde ausgeführt, wenn keine gegenteilige Weisung erfolge.

Verständlich, daß man allenthalben unzufrieden war. In Lenzkirch schrieb die Presse: " Sang.- und klanglos ist unsere Bahn übergeben worden. Was lange währt, wird endlich schlecht." Noch betrübter waren die Bonndorfer: "Im Himmel wären wir gestern und heute, wenn der Gang der Dinge nicht gestört worden wäre."

Doch die Bonndorfer und Lenzkircher " dampften " mit Ihrem Zug nach Neustadt. Fahnen und Girlanden zierten die Gemeinden. Das Interesse war dermaßen groß, daß beim ersten Sonntagabendzug die Teilnehmer auf der Plattform, im Postabteil und in verschiedenen Güterwagen stehen mußten.

Aber auch die Neustädter wollten die Eröffnung der Bahn nicht so sang.- und klanglos verstreichen lassen. Sie charterten einen Extrazug und fuhren nach Lenzkirch und Bonndorf. Die Bonndorfer brannten zum Ausklang eigens ein Feuerwerk ab. Wie heißt es in einem Zeitungsbericht: " Als sich der Zug in Richtung Neustadt in Bewegung setzte, erhob sich ein brausend Hoch, das den Zug begleitete und erst verstummte, als der letzte Wagen aus dem Bahnhof gerollt war."

Im Sommer 1924 wurde der Ruf nach Triebwagen laut. Das Dampfross bekam ernstlich Konkurrenz. War das bereits der Anfang vom Ende? 1929 kam kam die Aufhebung des Güterverkehrs ins Gespräch und 1934 forderte der Gemeinderat von Lenzkirch energisch besseres Wagenmaterial, bessere Beleuchtung, Halt für alle Züge in Unterlenzkirch und erneut den verstärkten Einsatz von Triebwagen. Ähnliche Wünsche trug auch die Stadt Bonndorf vor. Lenzkirch forderte darüber hinaus 1935 Ferien.- und Wintersportzüge und den Anschluß zu allen Eil.- und Schnellzügen in Neustadt bzw. Kappel - Gutachbrücke.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden 1950 zur Verbesserung des Sommerfahrplanes neben dem Schienenverkehr Bahnbusse verlangt, insbesondere für die Früh.- und Spätverbindungen. Wer konnte ahnen, daß die Schiene gerade dadurch ernsthafte Konkurrenz bekommen sollte? Dem gemeindlichen Antrag wurde damals stattgegeben. Am 10. Juli 1950 konnte die Omnibuslinie Neustadt - Bonndorf eingerichtet werden. Die neue Linie verkehrte zunächst nur an Werktagen, wurde dann nach verschiedenen Einsprüchen auch auf die Sonn.- und Feiertage ausgedehnt.

Dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Die Bundebahn stellte Kostenanalysen auf. Ratinalisierungsmaßnahmen folgten Schlag auf Schlag. Der Personalbestand wurde abgebaut; 1966 der Personenverkehr eingestellt. Was blieb war zunächst nur der Güterverkehr. Es schien klar, daß auch das nur eine Übergangsphase bis zur entgültigen Stilllegung sein sollte. Der gesamte Zugverkehr wurde auf die Straße verlegt.

Dennoch gab es noch einmal ein kurzes Aufbäumen. Bürgermeister Klaus Denzinger, Lenzkirch, begehrte eine historische Abschlußfahrt, um einen Akzent unter die siebzigjährige Bahngeschichte zu setzen; ein Wunsch, der von der Bahn erfüllt wurde. Erfreulicherweise nahmen 632 Teilnehmer an dieser Fahrt am 1. Mai teil und begingen auf diese Weise Abschied von ihrem " Bähnle. "

Letztes Kapitel bildete der Verkauf der Bahnhöfe, der Abbruch von Brücken und Bauten und die Einrichtung eines Bähnle - Radweges auf der ehemaligen Bahntrasse Lenzkirch - Löffelschmiede - Holzschlag. Am 1. Mai 2003 fand die Eröffnung in Anwesenheit politischer Prominenz und von rund 800 Radfahrern statt.