Das Bahnhofhotel -Hotel Vogt- in Lenzkirch

Gespräch mit Wolfgang Lützner im August 2008.

 

Bei den Planungen der zukünftigen Eisenbahnlinie von Kappel/ Gutachbrücke über Lenzkirch nach Bonndorf, war der Streckenverlauf im Bereich von Oberlenzkirch bis in das Jahr 1905 noch nicht endgültig festgelegt. Eine Planung sah vor, die Linie bis zum „Wanger-Hof“ zu führen. Der Besitzer des Wanger-Hofes Schmid war überzeugt davon, daß diese Streckenführung auch so gewählt wird, und begann mit dem Bau einer zukünftigen Bahnhofswirtschaft. Der „Metzger-Vogt“, wie Karl Vogt auch genannt wurde, der ebenfalls Einsicht in die Planungsunterlagen hatte, wartete die endgültige Entscheidung der Großherzoglichen Eisenbahnverwaltung zur Linienführung ab, und begann  dann sofort mit der Planung und dem Bau des Bahnhofhotels. Karl Vogt mußte auch Gelände, das sich an der zukünftigen Bahnhofstraße befand, und zum Bau der Bahnhofsanlagen benötigt wurde, an die Eisenbahnverwaltung abtreten. Im Tausch für die obige Geländeabtretung bekam er Gelände zwischen der Haslach und der Bahnhofsstraße übereignet, auf welchem dann das Bahnhofhotel erbaut wurde. Als erstes jedoch erstellte Karl Vogt eine Holzbaracke, welche sich etwa an der Stelle des heutigen Ökonomiegebäudes befand. Diese diente während der gesamten Zeit des Eisenbahnbaues als Kantine. Das Hotel und der Bahnhof Lenzkirch wurden miteinander erbaut und zwar in dem Zeitraum von August 1905 bis September 1907. Das Bahnhofhotel mit Metzgerei wurde am 22. September 1907 eröffnet. Die Eröffnung der Eisenbahnlinie war für den 24. September 1907 vorgesehen, da aber der Großherzog schwer erkrankt war, wurde diese Feier, außer der durchgeführten Kindersonderfahrten untersagt, und am 26. September dann sang.- und klanglos der ganz normale Zugbetrieb aufgenommen.

 

 

          

    

 
 

                   

                        Eröffnung des Bahnhofhotels am 22. September 1907

   

                                                

Mein Vater Richard Johannes Lützner, geboren in der Porzellanstadt Meißen, arbeitete in Dresden bei der Post. Im Jahre 1909 bewarb er sich um eine Versetzung in die Fernöstliche Kolonien, was aber abgelehnt wurde. Stattdessen bot man Ihm eine Beschäftigung im Schwarzwald an. So kam mein Vater nach  St. Blasien. Als er dann aber auf dem dortigen Postamt vorstellig wurde, war bereits eine telegraphische Nachricht vorhanden, nach der er sich umgehend auf dem Postamt in Lenzkirch zu melden hätte. So ging er, das meiste zu Fuß, von St. Blasien nach Lenzkirch, und meldete sich auf dem Postamt Lenzkirch zum Dienst. Nach nur kurzer Zeit in Lenzkirch folgten Abordnungen nach Sankt Georgen im Schwarzwald, nach Kandern und in den Raum Emmendingen als Postbeamter. In Badenweiler betreute er eine längere Zeit den Telegrammschalter, was ein großes Erlebnis für Ihn war, denn hier lernte man die Großen und Reichen der damaligen Zeit kennen. Im Jahre 1912/13 absolvierte er seinen „einjährigen“ Militärdienst. Von 1914 bis 1917 war mein Vater dann als Soldat in Frankreich, wo er schwer erkrankte. Im gleichen Jahre wurde er noch aus dem Militär entlassen und versah dann wieder seinen Dienst beim Postamt in Lenzkirch. Zum Mittagessen begab er sich regelmäßig in das Bahnhofhotel, wo er die Tochter des Hauses Rosa Maria Vogt, also meine Mutter, kennen und lieben lernte. Im Jahre 1919 wurde dann geheiratet und im selben Jahr zog man noch um nach Dresden, wo mein Vater wieder im Postdienst arbeitete.

 

 

Meine Großeltern Karl Ernst und Maria Vogt geb. Winterhalder hatten 4 Kinder: zwei Töchter, Rosa Maria (meine Mutter) und Maria Fanny (verstorben) und zwei Söhne, der eine, Ernst Richard war Metzger von Beruf und der andere, Wilhelm Karl, hatte das Hotelfach erlernt. Beide Söhne sind im 1. Weltkrieg gefallen, und so mußten meine Großeltern nach Kriegsende im Jahre 1918 das Hotel ohne deren Hilfe bewirtschaften. Zum Hotel gehörte auch noch eine Metzgerei. Zudem wurde noch Land- und Forstwirtschaft betrieben. Gekocht hat im Hotel zu dieser Zeit auch meine Großmutter.

 

 

1920 erkrankte mein Großvater Karl Ernst Vogt an einer Lungenentzündung und verstarb im November des selben Jahres. Jetzt stand meine Großmutter mit dem Hotel und der Metzgerei sowie der dazugehörenden Land- und Forstwirtschaft ganz alleine da. Es stellte sich für meine Eltern Richard Johannes und Rosa Maria Lützner nun die Frage was zu tun sei, und man entschloß sich, wieder nach Lenzkirch zu gehen, um dort das Hotel zu übernehmen. Für meinen Vater war es eine riesige Herausforderung diesen Weg zu gehen, nämlich den, vom Postbeamten zum Hotelier.

 

 

Für die Metzgerei wurde in dieser Zeit ein Metzger aus Meißen beschäftigt. Die Wurst der Sachsen ist mit die Beste, und so hatte die Metzgerei Vogt in Lenzkirch und Umgebung auch einen sehr guten Ruf. Man lieferte unter anderem nach Schluchsee und in das Sanatorium nach Sankt Blasien. Auch der Feldberger Hof gehörte zu den Kunden. Dies hatte zur Folge, daß mein Vater einen Geldbetrag zum Bau der Feldbergerstraße bezahlen mußte, da er ja auch Begünstigter dieser Baumaßnahme war. In diesen ersten Jahren hat er auch die Metzgerprüfung abgelegt, was zur Führung des Hotels mit Metzgerei natürlich sehr vorteilhaft war. Mein Vater hat dann die Metzgerei bis zum Tode meiner Großmutter Maria Vogt am 5. Januar 1932 geführt. Der 5. Januar ist auch mein Geburtstag und darum ist mir der Todestag meiner Großmutter sehr gut in Erinnerung geblieben.

 

 

Die Uhrenfabrik wurde 1930 geschlossen, nachdem sie im Jahre 1928 von der Firma Junghans übernommen worden war. Als Zeitpunkt für den  Beginn des Niederganges darf man wohl den Ausbruch des 1. Weltkrieges festhalten. Mit Beginn des Krieges war sofort der gesamte Export weggebrochen. (gesamtes Europa, alle Oststaaten, Übersee USA) Auch nach dem verlorenen Kriege kam dieses Exportgeschäft nicht wieder in Gange. Es folgte die Weltwirtschaftskrise.....!  Die beiden Junghansbrüder, welche bei den Banken Vorstands- bzw. Aufsichtsratsposten inne hatten, waren somit in dieser schwierigen Zeit immer bestens informiert, wie es um die wirtschaftliche Situation der Lenzkircher Uhrenfabrik bestellt war. Sie kauften dann in einer für Sie günstigen Phase die Uhrenfabrik auf und drei Jahre später war dann ganz Schluß mit AGUL. Die Schließung der Uhrenfabrik hatte auch große wirtschaftliche Folgen für Lenzkirch, so u.a. große Arbeitslosigkeit, fehlende Steuereinnahmen usw.

 

 

                    Das Hotel im Jahre 1936

 

 

Dr. Hummel, der auch 1909 nach Lenzkirch gekommen war, und seit dort auch hier in Lenzkirch praktizierte, erinnerte sich gerne daran, was Ihm der Professor als Student mit auf den Weg gegeben hatte, nämlich „Licht, Luft und Wasser“, als wichtige Faktoren beim Gesundungs- und Heilungsprozess zu berücksichtigen. Zusammen mit Bürgermeister Hubert Pfeiffer richtete er eine Klima- und Wetterstation ein. Anhand der Klimadaten und Beobachtungen, die Dr. Hummel mit dem Heilungs- und Genesungsverlauf seiner Patienten verglich bzw. auswertete, kam er zu dem Ergebnis, daß das Höhenklima in Lenzkirch und Umgebung eine heilungsfördernde Wirkung habe. Dr. Hummel, der Lenzkircher Bürgermeister und mein Vater waren nun der Meinung, daß man diesen Umstand des gesundheitsfördernden Höhenklimas für den Erholungssuchenden, also den Fremdenverkehr ausnützen müßte. So stand der Tourismus ganz am Anfang, und es mußte ja in Lenzkirch irgendwie wieder wirtschaftlich weitergehen nach dem Ende der Uhrenfabrik. Auch für die Kinder war dieses heilklimatische Klima hervorragend geeignet, und so wurde das erste Kindererholungsheim in unserer Region eröffnet. Es war dies das „Kinderheim Ruhbühl“ in Unterlenzkirch.

 

 

Adelbert, ein polnischer Kriegsgefangener, war uns zugeteilt worden, um uns in der Land- und Forstwirtschaft zu unterstützen. Zwischen Ihm und unserer Familie entwickelte sich ein recht freundschaftliches Verhältnis. Als Adelbert erkrankte und eine teure Operation notwendig wurde, die aber die Krankenkasse nicht bezahlen wollte, weil er Kriegsgefangener war, erreichte mein Vater durch sehr viel Verhandlungsgeschick, daß diese Kosten doch übernommen wurden. Er blieb auch nach Kriegsende noch bei uns, und half mit, die Trümmer des zum großteil zerstörten Hotels wegzuräumen. Im Spätjahr 1945 mußte sich dann Adelbert in Müllheim/Baden melden, wo ein Sammeltransport nach Polen zusammen gestellt wurde. Auf der Heimreise nach Polen ist er dann spurlos verschwunden. Alle Nachforschungen unsererseits brachten kein Ergebnis. Adelbert hätte sich bei uns gemeldet, wenn er zuhause angekommen wäre. Dies war auch so abgesprochen worden. Vermutlich wurde er von russischem oder polnischem Militär aufgegriffen. Vor allem galten beim Russen die eigenen Leute, die in Kriegsgefangenschaft geraten waren als Überläufer und Verräter und es wurden sehr viele von ihnen getötet. Bis heute ist sein Schicksal ungeklärt.

 
 

Die Metzgerei wurde nach dem Tode meiner Großmutter am 5. Jan. 1932 nur noch teilweise betrieben. So wurden nur noch Stammkunden beliefert, und man brauchte ja auch noch Fleisch- und Wurstwaren für das Hotel. Um 1940 wurde die Metzgerei dann ganz geschlossen. Die Räumlichkeiten der ehemaligen Metzgerei waren dann von 1940 bis 1945 an die Lenzkircher Bauern verpachtet, welche hier ihre Milchzentrale eingerichtet hatten.

               
 

 

 

Die Familie Richard Johannes und Maria Rosa Lützner geb. Vogt im Jahre 1943 mit den beiden Söhnen Johannes Ernst Wilhelm, (links) gef. 2.WK am 25.11.1943 und Johannes Wolfgang Hermann, der spätere Hotelier. Die Standuhr im Hintergrund des Fotos war übrigens ein Geschenk der ehemaligen Uhrenfabrik Lenzkirch an die Familie Vogt/Lützner.

 

 

Während der Kriegsjahre war das Hotel geschlossen, da es ja durch die Deutschen Militärbehörden beschlagnahmt worden war. Zuerst war die Kinderlandverschickung von Nordrhein-Westfalen darin untergebracht, welche dann aber der -TODT Verwaltung- weichen mußte. Meinen Eltern blieb in dieser ganzen Zeit nur ein kleines Zimmer im Erdgeschoß. Am 16. März 1945 um 16.20 Uhr hatte dann der Krieg nun auch entgültig Lenzkirch erreicht. Das Hotel erhielt im rückwertigen Bereich bei diesem Luftangriff durch Jagdbomber (sog. Jabos), der eigentlich der Bahnhofsanlage galt, zwei Bombentreffer, und wurde zum großen Teil zerstört. Das Nachbarhaus von Dr. Hummel wurde ebenfalls beschädigt.

 

 

Der Wiederaufbau nach Kriegsende gestaltete sich sehr schwierig, und so konnte das Hotel erst im Jahre 1949 wieder eröffnet werden. Nach dem Tode von Rosa Maria Lützner geb. Vogt am 1. Mai 1953, übernahm ihr Sohn Johannes Wolfgang Hermann Lützner das Bahnhofhotel und leitete dies zusammen mit seiner Ehefrau Gertrud Lützner geborene Jolly bis in das Jahr 1977.

 

 

Nach 1950 kam auch der Tourismus wieder langsam in Gange. Nach der Anerkennung als „Heilklimatischer Kurort“ wurde Lenzkirch in das Touropa-Reiseprogramm aufgenommen. Der Touropa – Ferienexpress, der dann ab 1953 auch Lenzkirch ansteuerte, brachte uns in der Regel keine Urlaubsgäste, da diese meist in Pensionen unterkamen, was auch einer anderen Kategorie entsprach. Unser Hotel war da eher für gehobene Ansprüche eingerichtet und auch meist von Dauergästen belegt.

 

 

              

                                             Das Hotel im Jahre 1970

 

      

 

Im Jahre 1977 verkauften wir dann das Hotel an die Familie Heinrich Dresmann aus Freiburg. Nach dem Tod von Frau Dresmann, wurde das Hotel an die beiden Söhne übergeben, welche dieses bis zur Aufgabe des Hotelbetriebes im Jahre 2003 weiter führten. Die neue Besitzerin des ehemaligen Bahnhofhotels, Gisela Reichwein, baute dann das Hotel in einem 18monatigen Umbau, zu einem Altenpflegeheim um, und eröffnete dieses im Dezember 2006.

 

 

Seniorenheim Haus Vogt“ 2008

 

 

 

Geblieben ist der Name:

Aus „Hotel Vogt“ wurde „Seniorenheim Haus Vogt“, und so erinnert der Name an den einstigen Erbauer Karl Ernst Vogt, auch „Metzger Vogt“ genannt, an dieses einst über die Landesgrenzen hinaus bekannte Hotel. Von den Bahnhofsanlagen existiert heute nichts mehr. Der Bahnhof und die Bahnmeisterei wurden abgerissen und die Gleisanlagen abgebaut. An dieser Stelle befindet sich heute das Kurhaus und der Lenzkircher Kurpark. Auch der Straßenname wurde geändert. So wurde die ehemalige „Bahnhofstraße“ nach über 70 Jahren umbenannt in „Am Kurpark“ (oberer Teil) und „Testo-Straße“ (unterer Teil). Lediglich eine aufgestellte Fenstereinfassung des ehemaligen Bahnhofs aus rotem Sandstein erinnert auf einem Infoschild heute noch daran, daß sich hier einmal ein Bahnhof befunden hat.